Leben am Abgrund (Folge 3)

Shownotes

Stalino – Geschichten einer besetzten Stadt.

Episode 3: Leben am Abgrund

Stalino - Geschichten einer besetzten Stadt erzählt vom Leben unter deutscher Besatzung während des Zweiten Weltkriegs im Donbas. In Episode 3: Leben am Abgrund treffen wir Margarita. Wie schafft es ein jüdisches Mädchen den Holocaust im besetzten Stalino zu überleben?

Triggerwarnung: Wenn ihr keine Schilderungen von direkter Gewalt hören wollt, überspringt die Minuten 30:45-35:10. Bitte behaltet aber im Hinterkopf, dass Gewalt und Tod dauerhafter Begleiter unter der deutschen Besatzung waren. Schaut also, ob ihr die Folge lieber an einem anderen Tag oder in Begleitung hören wollt, falls es euch gerade nicht so gut geht.

Wenn ihr mehr über Stalino/Donezk erfahren wollt, schaut auf stalino.dekoder.org vorbei. Dort findet ihr Hintergrundtexte, Bilder, Grafiken und Karten zur Geschichte der deutschen Besatzung im Donbas im Zweiten Weltkrieg.

Weitere Links zu Hintergrundmaterialien und -artikeln findet ihr hier: Linktree

Einen kurzen Überblick zur Erinnerungskultur zum Holocaust in der Ukraine findet ihr hier: https://www.kas.de/de/web/geschichte-der-cdu/einzeltitel/-/content/holocaust-und-erinnerungskultur-in-der-ukraine

Ein Podcast von dekoder in Kooperation mit der Universität Heidelberg, produziert von Berlin Producers Media.

Das Projekt wird in der Bildungsagenda NS-Unrecht von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) gefördert.

Moderation: Jasmin Lörchner

Sprecherin: Margarita Funt – Helene Braun

Wissenschaftliche Redaktion: Prof. Dr. Tanja Penter, Prof. Dr. Dmytro Tytarenko, Dr. Jasmin Söhner

Projektleitung dekoder: Leonid A. Klimov

Skript: Dr. Saskia Geisler

Audioproduktion, Sound Design und Mischung: Bony Stoev

Redaktionelle Mitarbeit und Produktion: Josephine Schneider

Producerin Berlin Producers Media: Jessica Krauß

Audioaufnahmen: Cornelius Rapp

Artwork / Cover: Village One

Übersetzerinnen: Jennie Seitz und Ruth Altenhofer

Transkript anzeigen

00:00:04: Margarita: Und da sah jemand, wie ein Deutscher meine Mutter einholt, packt und wegschleift. Wir wussten nicht, was mit ihr passierte. Niemand wusste es.

00:00:14: Jasmin Lörchner: Stell dir vor, du bist sechs Jahre alt. Du lebst in einer besetzten Stadt. Und jede Begegnung wird zur Bedrohung. Wird dich dein Nachbar verraten? Deine beste Freundin? Denn die Besatzer sind Nazis. Und du bist Jüdin. Jeden Tag kämpfst du ums Überleben. Und du weißt nicht, ob du das Ende des Tages erleben wirst.  Seien wir ehrlich, es ist unmöglich, sich das vorzustellen. Selbst wenn Krieg und Besatzung auch in Europa heute Realität sind.  Ich bin Jasmin Lörchner – Geschichtsjournalistin, Podcasterin und Autorin. Und ich gehe weiter mit Euch auf die Spurensuche zum Alltagsleben in der Stadt Donezk. Die Stadt, die 1941 während des Zweiten Weltkrieges von den Deutschen besetzt wurde und den gleichen Namen trug wie der sowjetische Diktator Stalin – Stalino.  In den ersten beiden Folgen habe ich euch schon von einem kleinen Jungen und von einem Erwachsenen erzählt, die diese Besatzung in der Ostukraine extrem unterschiedlich erlebt haben. Wenn ihr die Folgen noch nicht kennt, dann hört rein, denn dort erfahrt ihr mehr zum Hintergrund der Stadt und der Besatzung.  In dieser Folge hören wir die Erinnerungen eines kleinen Mädchens. Ein Mädchen, das den Holocaust überlebte. Dabei werden Gewalterfahrungen geschildert – bitte schaut in die Shownotes, wenn ihr solche Passagen lieber überspringen möchtet. Ihr hört …

00:01:41: Jasmin Lörchner: STALINO – Geschichten einer besetzten Stadt Ein Podcast von dekoder in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg Folge 3: Leben am Abgrund

00:02:01: Margarita: Wissen Sie, ich war erst sechs Jahre alt und kann mich nur bruchstückhaft erinnern. Zum Beispiel, dass mein Vater vorbeikam einmal. Er besaß ein Radio, war ein gebildeter Mann. Er wusste, dass Krieg herrschte, dass Juden getötet wurden. Er kam und sagte zu meiner Mutter: „Wir müssen weg.“ Aber sie wollte nicht weg. Sie waren schon geschieden, sie hatte Angst, ihr Hab und Gut zu verlieren.

00:02:31: Jasmin Lörchner: Die Zeit im Herbst 1941, unmittelbar bevor die Deutschen nach Stalino kommen, ist eine Zeit der Verunsicherung. Margarita ist zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt.  Ihr Vater ist ein auf den Bergbau spezialisierter Ingenieur. Er hört Radio und ist gut informiert. Auch wenn er mit seiner jüdischen Frau nicht mehr zusammen ist, weiß er, welche Gefahr ihr und ihren gemeinsamen Kindern August und Margarita drohen kann. Er will die Familie schützen. Er will seine Exfrau sowie die beiden Kinder von der Evakuierung überzeugen. Aber wie so viele andere ist auch Margaritas Mutter hin und her gerissen. Die vertraute Umgebung zu verlassen und große Teile des eigenen Besitzes aufzugeben, ist kein leichter Schritt. Und dann wird Margarita auch noch krank. Sie wird ins Krankenhaus gebracht. In der Sowjetunion tobt zwar schon der Krieg. Aber in Margaritas Leben herrscht zu diesem Zeitpunkt doch noch ein bisschen Normalität. Die Deutschen sind noch nicht in Stalino angekommen und die Familie hat noch normalen Zugang zur Gesundheitsversorgung.

00:03:35: Margarita: Und dann bekam ich Scharlach und lag schwerkrank im Krankenhaus. Ich erinnere mich sogar noch ein bisschen daran. Es war das Kalinin-Krankenhaus, im ersten Obergeschoss. Glaube ich, weil sie eine Leiter ans Fenster lehnten und mir Sachen durchreichten … Sie durften ja nicht rein. Ich weiß noch, dass meine Mutter mir Schachteln mit Geleebonbons brachte. So leckeres Fruchtgelee gibt es heute nicht mehr, das wird nicht mehr gemacht – aus drei Schichten. Und als sie mich abholten, es war August, da war alles nass vom Desinfektionsmittel, unser ganzer Hausflur. Tja, sie hatte Angst, mit mir zu fliehen. Ich war krank. Ich durfte zwar aus dem Krankenhaus raus, aber ich war immer noch sehr schwach. Mein Vater versuchte, sie zu überzeugen, dass wir wegmüssten. Er sagte: „Ich helfe dir. Ich werde mein Vermessungsbüro evakuieren und einiges mehr. Und ich werde Fenja bitten, zu bleiben und auf die Wohnung und die Sachen aufzupassen.“

00:04:39: Jasmin Lörchner: Diese Erinnerung liegt noch vor der Besatzung, aber wir wollten sie euch trotzdem vorspielen. Denn sie zeigt sehr vieles – die Liebe und Fürsorge der Mutter, die in Margaritas Erinnerung in den dreischichtigen Geleebonbons verkörpert wird. Die schreckliche Gleichzeitigkeit einer Normalität wie Kinderkrankheiten und dem absoluten Ausnahmezustand einer drohenden Besatzung. Und die Zerrissenheit der Eltern: Gehen oder bleiben?  Außerdem lernt ihr hier schon eine Person kennen, die im weiteren Verlauf dieser Geschichte immer wichtiger wird: Fenja, das ukrainische Hausmädchen, das in Stalino bleiben soll, um auf Hab und Gut aufzupassen. Sie wird tatsächlich in der Stadt bleiben, ihre Rolle wird aber eine noch viel größere werden. Die Erinnerungen, die ihr hier hört, kommen aus einem Interview, das Tanja Penter geführt hat – eine der drei Historiker:innen der Universität Heidelberg, die dieses Projekt begleiten. Frau Penter, was war das für eine Situation damals?

00:05:38: Tanja Penter: Das Interview habe ich ja selbst geführt. In ihrer Wohnung. Ich erinnere mich noch, und ich bedaure das total, dass ich da nicht Fotos gemacht habe. Sie hat mir eine ganze Reihe von Fotos gezeigt, als sie ihre Geschichte erzählt hat. Über die Fotos liefen dann immer die Katzen. Sie hatte mehrere Katzen in der Wohnung, die dann auf den Tisch sprangen. Ja, also ihre Geschichte ist wirklich in vieler Hinsicht bemerkenswert.

00:06:06: Jasmin Lörchner: Als die Deutschen Stalino Ende Oktober 1941 besetzen, ist Margarita ein Kind, das noch nicht lesen und schreiben kann. Deswegen gibt es auch kein Tagebuch oder Ähnliches von ihr – ihre Erinnerungen sind die einzige Möglichkeit, uns einer Geschichte wie ihrer zu nähern. Margarita erinnert sich, dass der Vater gut informiert war. Er will die Familie zur Evakuierung überreden. Jasmin Söhner gehört auch zu unserem Expert:innenteam der Universität Heidelberg. Frau Söhner, Sie kennen die Quellen und haben sich auch mit der jüdischen Geschichte im Donbas befasst. Ist es so, dass die jüdischen Gemeinden gut wissen, was da auf sie zukommt mit der deutschen Besatzung?

00:06:44: Jasmin Söhner: Ich glaube, dass ihre Familie ein Sonderfall ist, da ihr Vater ein gebildeter und allem Anschein nach auch gut vernetzter Mann ist, der über einen Bekannten erfährt, wie die Deutschen in den besetzten sowjetischen Gebieten, aber möglicherweise auch in den besetzten polnischen Gebieten umgehen. Wir wissen durch die heutige Forschung, dass das Wissen über die Intensität der antisemitischen deutschen Maßnahmen sehr unterschiedlich ausgeprägt ist in den lokalen Gemeinden. Wir wissen beispielsweise, dass das Wissen in den besetzten polnischen Gebieten viel größer ist, also insbesondere in den Hauptstädten, da es hier in den 30er Jahren noch jüdische Korrespondenten gibt, die im Deutschen Reich reisen und die die anti-jüdische Gesetzgebung live mitbekommen und die auch darüber berichten. Diese Form von Auslandskorrespondenten gibt es, soweit ich informiert bin, für die Sowjetunion nicht.

00:07:44: Jasmin Lörchner: Im Donbas sind vielleicht auch weniger Informationen verbreitet, weil es insgesamt weniger jüdische Gemeinden gibt als in der Westukraine. Aber Stalino ist eine von drei größeren jüdischen Gemeinden in der Region. Im Einzugsgebiet der Stadt leben 1941 ungefähr 65.000 Jüdinnen und Juden. Darunter auch Margarita, ihr älterer Bruder August und ihre Mutter.  Durch die gute Anstellung des Vaters als Dozent am Bergbauinstitut lebt die Familie im Vergleich mit dem Rest der Stadt in Wohlstand. Margaritas Erinnerungen an die Zeit vor der Besatzung wirken positiv und harmonisch. Und im Zentrum steht eine Person, die leuchtet und alles zusammenhält, nämlich ihre Mutter.

00:08:30: Margarita: Meine Mutter konnte sehr gut Klavier spielen und singen. Meine Mutter war eine Schönheit. […] Wenn sie die Straße entlang ging, war das unmöglich – alle Männer drehten sich nach ihr um. Eine sehr schöne Frau. Wir waren wohlhabend. Mein Vater verdiente viel Geld, weil er ein Spezialist war – Professoren wurden damals gut bezahlt, wie Sie wissen.

00:09:00: Jasmin Lörchner: Die Trennung halten die Eltern zunächst vor ihren Kindern geheim. Margarita ist vier Jahre alt, als ihr Vater und ihre Mutter sich scheiden lassen. Wir wissen ja schon aus den ersten beiden Folgen, dass der Bergbau Stalino prägte.  Auf sowjetischen Propagandaplakaten aus der Zeit wird der Donbas als „Herz Russlands“ dargestellt. Ähnlich wie das Ruhrgebiet in Deutschland versorgte der Donbas die anderen Regionen mit Kohle – dem damals wichtigsten Energieträger. Die Bergarbeiter werden in dieser Propaganda als Helden gefeiert. Stalino wird zur Vorzeigestadt stilisiert und aus allen Winkeln kommen Menschen, um hier zu arbeiten. Und Margaritas Vater ist wichtiger Teil der Industrie, wichtiger Teil dieses von der Propaganda so gepriesenen Wirtschaftszweigs. Die Familie genießt also Ansehen, sie ist integrierter Teil der Stadtgesellschaft. Und der Vater kann der Familie ein stabiles, im Vergleich hohes, Einkommen sichern.  Zugleich ist er in Margaritas Schilderung auch ein Lebemann, der sich charmant darum herum lavierte, Mitglied der Kommunistischen Partei zu werden.

00:10:07: Margarita: Er sagte: „Wie oft haben sie mir schon angeboten, der Partei beizutreten? Aber ich habe immer gesagt: Ich kann nicht, ich glaube an Gott.“ Und er glaubte tatsächlich an Gott. So war er. Absolut parteifeindlich. Er hatte viel Geld. Aber er war auch ein Schürzenjäger, deshalb trennten sie sich. Er konnte an keiner Frau vorbeigehen, seine Studentinnen lagen ihm zu Füßen. Und Sie sehen ja, wie oft er geheiratet hat. Das war sein Laster.

00:10:37: Jasmin Lörchner: Hier haben wir also die Gemengelage: Eine Familie, die sich ein gutes Leben aufgebaut hat und gerade sogar dabei ist, ein neues Haus zu bauen. Die sich wohlfühlt in einer Stadt, die dem Vater Aufstiegschancen bietet. Und dann kommen die Deutschen. Aber ist sich die Familie der heranrückenden Gefahr wirklich schon so bewusst?

00:10:56: Jasmin Söhner: Also ich denke, wirklich wichtig ist, sich dabei zu vergegenwärtigen, ist, dass die sowjetische Propaganda eigentlich lange Zeit sagt: Die Deutschen werden nicht so schnell vorstoßen. Das heißt, die lokale Bevölkerung steht davor, dass sie offiziell Informationen bekommt, dass die Rote Armee die deutsche Wehrmacht zurückschlagen wird. Gleichzeitig gibt es aber auch einfach wirklich sehr viele Gerüchte, die in der Stadt oder auch in den Dörfern vermutlich die Runde machen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass die Sowjetunion bis 1939 sehr wohl darüber berichtet hat, dass das NS-Regime antisemitischer und rassistischer und überhaupt faschistisch ist, aber dass im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts dann die sowjetische Presseberichterstattung ab 1939 bis 1941 über die Deutschen relativ neutral berichtet. Das heißt, das ist für die Gruppe der sowjetischen Juden relevant, weil die damit umgehen müssen, dass sie zum Teil die deutsche Besatzung während des Ersten Weltkriegs erlebt haben. Also 1918 war die Ukraine weitgehend von österreichisch-deutschen Truppen besetzt. Und hier waren diese Truppen tatsächlich eine Ordnungsmacht, die auch dafür gesorgt haben, dass Ausschreitungen und Tötungen von Juden Einhalt geboten wurde. Und jetzt befindet man sich etwa 20 Jahre später. Und man muss damit umgehen, dass man die Erinnerung hat, die Deutschen haben damals für Ordnung gesorgt. Wir haben vom sowjetischen Staat gehört, dass die Deutschen antisemitische Maßnahmen durchführen. Dann haben wir zwei Jahre nichts gehört. Und jetzt erreichen uns Gerüchte von geflohenen Juden, die darüber berichten, dass die Deutschen nicht nur einzelne Juden töten, sondern ab Herbst 1941 beginnen, die kompletten jüdischen Gemeinden zu vernichten. Das heißt, jede Jüdin, jeden Juden, jedes jüdische Kind zu töten.

00:13:00: Jasmin Lörchner: Margaritas Vater hat eine eindeutige Meinung – obwohl er selbst nicht jüdisch ist und gar nicht von den Repressionen betroffen wäre. Aber seine Exfrau ist Jüdin und damit weiß er, dass sie und die beiden gemeinsamen Kinder verfolgt werden würden. Er will sie schützen. Mit Weitsicht will er also die Familie zur Flucht überreden, bereitet alles Nötige vor, packt und plant. Aber dann kommt eine Nachbarin ihm in die Quere:

00:13:31: Margarita: Sie versuchte, Mutter zum Bleiben zu überreden, damit es ihr alleine nicht langweilig würde: „Wo wollen Sie denn hin? Ich war gerade am Bahnhof, die Leute werden in offene Güterwaggons geladen. In den Passagierwagen gibt es keinen Platz, es regnet, und die Menschen sitzen unter freiem Himmel. Sie werden Ihre Rita verlieren.“  Und das besiegelte unser ganzes Schicksal. Mama bekam Angst, holte August, zog ihn an und rannte aus dem Haus. Und das war’s, wir blieben. Dann bekam Papa einen Hexenschuss, als sie die Sachen schleppten, und so konnte auch er nicht fliehen.

00:14:09: Jasmin Lörchner: So ist Margaritas kindliche Sicht auf die Fluchtsituation – ihre Mutter will nicht fliehen, weil die Nachbarin es als aussichtslos darstellt, noch einen Weg aus Stalino hinauszufinden. Und der Vater verhebt sich und schafft es ebenfalls nicht mehr.

00:14:24: Margarita: Sie kam später zurück und lebte weiter, als wäre nichts geschehen. Und wir haben unser ganzes Leben lang gelitten. Ein Wort hat die ganze Tragödie, unser gesamtes Schicksal besiegelt. So viel haben wir danach durchgemacht.

00:14:40: Jasmin Lörchner: Margaritas Erinnerung könnte der Versuch sein, das Unbegreifliche zu begreifen. Und ihre Mutter zu entlasten, dass sie sich gegen die Evakuierung entschied. Für das Mädchen hat die Nachbarin Schuld an allem, was folgt. Dass möglicherweise nach wie vor Zweifel an ihrer Mutter nagen, hört man eher an anderen Stellen heraus. Margaritas Beschreibungen der mit Teppich ausgelegten Wohnung, des schönen Klaviers machen deutlich, wie schwer es der Mutter fallen muss, ins Ungewisse aufzubrechen. Und vielleicht hält den Vater eben nicht nur der Rückenschmerz, sondern auch die ungeklärte Familiensituation in der Stadt – er hat nämlich mittlerweile eine neue Partnerin. Die Rote Armee flieht jedenfalls aus der Stadt, die sowjetischen Machtinstanzen lösen sich auf und dann, Ende Oktober 1941, kommen die Deutschen in die Stadt.

00:15:33: Margarita: Als die Deutschen kamen, knatterte und dröhnte es von allen Seiten, Motorräder fuhren vorbei. Das brannte sich in mein Kindergedächtnis ein. Dieser Krach, überall – es war furchtbar. Offenbar war es eine Division auf Motorrädern. Und ich sitze da. Da ist das Tor, und hier der Hof. Im Hof der Hauseingang. Als ich das Geknatter hörte, rannte ich in den Hof. Dann schnell in den Flur und in die Wohnung. Dieses Bild verfolgt mich mein Leben lang: Gleich holt er mich ein, fährt mir nach bis ins Haus und überrollt mich.

00:16:08: Jasmin Lörchner: Die Ankunft der Deutschen wirkt in Margaritas Erinnerung wie eine düstere Vorahnung auf alles, was noch kommen wird. Auch mit Beginn der Besatzung sorgt der Vater weiter für die Familie. Er sorgt dafür, dass die Mutter einen neuen, im Prinzip gefälschten Pass erhält. Erstens ist in dem Dokument der Nachname geändert und zweitens Russisch als Nationalität angegeben. Denn in der Sowjetunion wird die Nationalität des Menschen in den Pass eingetragen. Und bei Jüdinnen und Juden wird diese Zugehörigkeit unter „Nationalität“ vermerkt. Damit sind sie natürlich leicht aufzuspüren. Ein bearbeiteter Pass kann deshalb eine Lebensversicherung sein. Die Familie taucht also nicht unter, sondern versucht, ihr Leben weiterzuleben – und dazu gehört auch, für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen.  Margaritas Vater hat dafür gute Voraussetzungen. Denn sein Wissen ist wichtig für die Deutschen. Evstafij Funt ist 1896 in Belarus geboren und wird ein sogenannter Markscheide-Ingenieur. Markscheider sind im Prinzip Vermessungsexperten für den Bergbau. Es geht also darum, Karten und Übersichten zu erstellen, wo Bodenschätze abgebaut werden oder wo sie abgebaut werden können. Vor dem Krieg arbeitet Margaritas Vater als Dozent am Bergbauinstitut in Stalino. Wahrscheinlich wird der deutsche Leiter der sogenannten Wirtschaftsinspektion Süd, Dr. Friedrich Koch, so auf ihn aufmerksam. Funt macht jetzt Karriere und wird „Obermarkscheider der Gesellschaft Ost“. Im Klartext bedeutet das: Er koordiniert das Wissen rund um die Bodenschätze in der Region Stalino. Und er ermöglicht den Deutschen so die wirtschaftliche Ausbeutung des besetzten Gebietes.  Die Ingenieure haben unter den Deutschen ziemlich viel Macht. In einzelnen Fällen erstellen sie Listen von „schlechten Arbeitskräften“ oder von Arbeitslosen, die ins Reich verschleppt werden. Manche beteiligten sich auch an der Erfassung und Aussonderung von Jüdinnen und Juden, Kommunist:innen und anderen sogenannten „unerwünschten“ Personen. Für die Betroffenen bedeutet das in der Regel: Verhaftung, Deportation oder Tod. Leitende Ingenieure können Arbeiter einstellen und entlassen, dürfen in Einzelfällen Waffen tragen und führen zum Teil harte Strafen wie Prügel oder Essensentzug ein.  Ob irgendetwas davon auch auf Margaritas Vater zutrifft: Wir wissen es nicht. Warum Margaritas Vater für die Deutschen arbeitet, bleibt auch unklar. Auf die Deutschen gewartet, weil er unbedingt für sie arbeiten wollte, hat er jedenfalls nicht. Das wissen wir ja aus Margaritas Evakuierungserzählung. Vielleicht glaubt ihr Vater, seine Kinder durch einen guten Kontakt zu den Deutschen im Notfall schützen zu können. Vielleicht ist es auch einfach nur das im Vergleich hohe Gehalt, das ihn lockt. Die lukrative Arbeit in Stalino schützt ihn aber auch vorm Arbeitseinsatz in Deutschland. Und arbeiten, das müssen alle. Das gilt auch für Margaritas Mutter, wenn sie nicht auffallen will. Alle Menschen müssen sich auf den Arbeitsämtern registrieren lassen. Margaritas Mutter geht wahrscheinlich davon aus, dass ihr bearbeiteter Pass sie schützen wird. Ausgerüstet damit macht sie sich auf den Weg zum Arbeitsamt. Ein Behördengang, der das Leben der ganzen Familie für immer aus den Angeln heben wird. Denn auf dem Amt trifft sie eine Verräterin.

00:19:33: Margarita: Sie ging mit dem russischen Pass hin – na ja, wie gut der bearbeitet war, kann ich nicht sagen. Ihre Freundin arbeitete dort, eine enge Freundin. Sie gibt ihr den Pass. Und die nimmt diesen Pass in die Hand und sagt: „Du und Russin! Eine dreckige Jüdin bist du! Alle Juden sind schon abgemurkst, nur du läufst hier immer noch rum?“ Und sie ging los und erzählte es jemandem. Und Mama sagte zu Fenja: „Komm, schnell, wir müssen die Kinder retten!“ Sie selbst rannte in eine andere Richtung. Fenja rannte mit uns los. Und da sah jemand, wie ein Deutscher [meine Mutter] einholte, sie packte und wegschleifte. Wir wussten nicht, was mit ihr geschah. Niemand wusste es.

00:20:19: Jasmin Lörchner: Die Mutter ist also gemeinsam mit dem Hausmädchen Fenja unterwegs, um sich beim Arbeitsamt zu melden – und wird verraten von einer Frau, die sie bis dahin als enge Freundin gesehen hatte.  Die Schutzmaßnahme des Vaters hat nicht gegriffen. Über die Familie bricht eine Katastrophe herein.

00:20:36: Margarita: Dann kam Fenja angerannt und hat es uns sofort erzählt. So ist sie halt, sie hat nichts verheimlicht, hat uns alles erklärt. Obwohl ich noch klein war, habe ich offenbar etwas begriffen. Dann wurden wir von Dachboden zu Dachboden gezerrt und sollten uns ja nicht draußen blicken lassen. Wie hätte ich abends auch rausgehen sollen? Ich war ja noch klein.

00:21:00: Jasmin Lörchner: Schon in Margaritas Erinnerung klingt die Szene hektisch, panisch. Im letzten Moment werden die Kinder von Fenja auf dem Dachboden des neuen Hauses der Familie versteckt, das noch im Bau ist.  Für Margarita, August und Fenja beginnt jetzt das Warten. Die Ungewissheit. Lebt die Mutter? Kann sie entkommen? Werden sie selbst noch verraten? Wird gleich jemand kommen, sie suchen, sie abholen?  Nichts ist mehr sicher.

00:21:28: Margarita: Abends ging Fenja zu meinem Vater und erzählte ihm, was passiert war. Er kam sofort angerannt, bearbeitete die Dokumente, ich weiß nicht wie genau. Fenja und er fingen an, unsere Sachen zu packen – wir hatten einen Keller, der war im selben Gebäude. Sie holten alles raus, die Kindersachen und die Sachen unserer Mutter.  Da kamen sie schon mit der Durchsuchung. Ein Deutscher und zwei einheimische Polizisten. Sie durchsuchten alles – die Schränke, unter den Betten. Dann zeigten sie den Pass meiner Mutter und sagten: „Die wohnt hier.“ Mein Vater war ein intelligenter, kultivierter Mensch und konnte überhaupt nicht lügen. Fenja erzählte später: „Als er so vor ihm stand, war er kreidebleich und zitterte furchtbar.“ Aber da holte er ein Papier hervor – wohl das Gerichtsurteil – und sagte: „Ich bin schon lange von dieser Frau geschieden“, und zeigte ihnen das Dokument. „Sie wohnt nicht hier, ich weiß nicht, wo sie ist. Hier wohne ich, und das ist meine Frau“ – er zeigt auf Fenja. Und sie gingen. Aber danach, erzählte Fenja, setzte er nie wieder einen Fuß in diese Wohnung. Er hatte Angst – stellen Sie sich vor, die Polizisten hätten ja nur irgendeinen Nachbarn fragen müssen – jeder hätte gesagt, wie es war. Nicht aus böser Absicht, einfach so. Er tauchte nicht auf – vielleicht trafen er und Fenja sich irgendwo dort, aber wir irrten umher wie obdachlose Kinder, und niemand brauchte uns. Verstehen Sie?

00:23:01: Jasmin Lörchner: In dieser Erinnerung passiert unfassbar viel – Fenja, die die Kinder aus der Wohnung holt. Der Vater, der auch die Dokumente der Kinder bearbeitet, so dass ihre jüdische Herkunft nicht mehr erkennbar ist. Vor allem aber muss alles so schnell passieren. Offenbar sind sich die Erwachsenen einig, dass mit der Entdeckung der Mutter auch die Wohnung nicht mehr sicher ist. Sie wollen schnell das Hab und Gut retten, bevor die Polizei kommt und alles ausplündert. Mit dieser Vermutung haben der Vater und das Hausmädchen Recht. Und mit den Plünderern kommt die Angst. Die Angst um das eigene Leben, denn mit Willkür ist immer zu rechnen. Aber auch Angst um die Kinder.  In Margaritas Erzählung wird noch etwas deutlich: Die Angst vorm Verrat. Schon die Mutter ist ja nur entdeckt worden, weil sie von einer vermeintlichen Freundin verraten wurde. Was, wenn die Nachbarinnen und Nachbarn sich verplappern oder bewusst denunzieren? Wie vielen von ihnen ist überhaupt klar, dass die Kinder jüdisch sind? Frau Söhner, wie verbreitet waren denn solche Denunziationen, also das Ausliefern von Jüdinnen und Juden oder auch von Kommunist:innen an die Besatzungsbehörden?

00:24:08: Jasmin Söhner: Also es gibt keine Statistik darüber. Wir wissen aus den Erinnerungen von jüdischen Überlebenden, dass es diese Denunziation gegeben hat. Und diese Denunziation werden in diesen Interviews auch immer erwähnt, weil dieses Motiv des Verrats ein unglaublich mächtiges ist. Das gehört am Ende sowohl zur deutschen Besatzungsherrschaft, aber auch zur Nachkriegszeit dazu, dass man damit leben muss, dass Nachbarn, teilweise auch Verwandte oder Bekannte, Verrat begangen haben. Und was die Motivation betrifft, ist natürlich zum einen die Frage immer vorab zu stellen, was wissen diejenigen, denunzieren? Also gehen die davon aus, dass es hier zu einer Bestrafung kommen kann, dass es möglicherweise zu einer Haft kommen kann oder wissen die tatsächlich darum, dass diejenigen, die denunziert werden, getötet werden? Und die Motivationslage kann hier sehr unterschiedlich sein, also es kann hier ganz klassisch Sozialneid, Antisemitismus, Vergeltung für vermeintliche Beteiligung an stalinistischen Verbrechen geben. Das ist wirklich ein Potpourri von unterschiedlichen Motiven, die teilweise auch gleichzeitig stattfinden können.

00:25:29: Tanja Penter: Und hier muss man sicherlich auch sehen, dass eine gewisse propagandistische Einflussnahme über die Besatzungspresse stattfand von Seiten der deutschen Propagandakompanien, die also hier antisemitische Hetze in der Besatzungspresse massenhaft verbreiteten. Und man muss sehen, dass Antisemitismus natürlich auch in der Vorkriegsgeschichte der Sowjetunion durchaus anzutreffen war. Und auch da Jüdinnen und Juden und manchmal Probleme hatten, ja, in bestimmte Positionen aufzusteigen und es eben auch Erscheinungen von Antisemitismus durchaus gegeben hat. Also, es war auch dort nicht völlig unbekannt gewesen. Zu eigenständigen Pogromen der Bewohner des Donbas und Stalinos an der jüdischen Bevölkerung kam es aber, anders als in der Westukraine, nicht. Dennoch besaß der Antisemitismus auch im Donezbecken in Teilen der Bevölkerung eine Basis.

00:26:23: Jasmin Lörchner: Die Angst des Vaters vor weiterem Verrat ist also berechtigt. Margarita und ihr Bruder August leben am Abgrund, in ständiger Gefahr. Aus ihren Erinnerungen wird deutlich, dass der Vater Abstand hält und die Kinder nicht besucht. Vielleicht auch, um seine zweite Ehe zu schützen. Und weil er sich mit der neuen Besatzung arrangiert hat und wieder im Bergbau tätig ist.  Margarita erzählt nicht, ob er Fenja weiter Geld schickt. Aber es ist sehr wahrscheinlich. Seine Arbeit für die Deutschen soll also wahrscheinlich auch das Überleben seiner Familie sichern. Neben der Unterstützung durch den Vater müssen die Kinder jetzt also mit Fenjas Hilfe sehen, wie sie zurechtkommen. Mit gefälschten Ausweisen und der Angst im Nacken, jederzeit verraten werden zu können.

00:27:08: Margarita: Ich weiß noch, wie Fenja sich hinsetzte und sagte: „Ritotschka, erzähl niemandem, dass Mama beim Arbeitsamt geschnappt wurde. Sag, sie ist Sachen tauschen gegangen und wahrscheinlich irgendwo erfroren.“ Früher fuhr man ja mit Schlitten in die Dörfer, um Sachen zu tauschen. Daran erinnern wir uns auch.

00:27:27: Jasmin Lörchner: Ritotschka, das ist eine liebevolle Form von Margarita. Ein Zeichen der Fürsorge. Und gleichzeitig ist dieser Rat so krass: Nicht nur hat Margarita keine Ahnung, ob sie ihre Mutter jemals wiedersehen wird. Sie muss auch noch lügen, um sich selbst zu schützen.  Fenja tut alles, damit die Kinder nicht auffallen. Sie denkt sich plausible Tarngeschichten aus, damit das Verschwinden der Mutter nicht zu Nachforschungen führt. Die Kinder leben jetzt mit gefälschten Pässen bei Fenja. Dem Hausmädchen gelingt es schon Ende 1941, die Kinder vom Dachboden zu holen und anderweitig unterzubringen. Sie sollen nicht auffallen, aber gleichzeitig bleiben sie auch nicht die ganze Zeit in einem Versteck. Dass Fenjas Geschichte vom Tod auf der Tauschtour plausibel ist, wissen wir aus vielen anderen Quellen. Auch in Folge 1 sind uns diese „Hamsterfahrten“ ja schon begegnet. Um die extrem schlechte Versorgungslage in der Stadt auszugleichen, machen sich die Menschen auf den Weg in die umliegenden Dörfer. Hier tauschen sie ihr Hab und Gut gegen Nahrungsmittel, die sie dann wieder nach Stalino schleppen. Die Kälte und der Hunger machen es nicht unwahrscheinlich, dass Menschen auf dieser Reise sterben. Dass der Hunger auch für Margarita ein großes Thema ist, taucht immer nur am Rand der Erinnerungen auf, dafür aber ständig – die Zeit der Besatzung ist eine der Entbehrungen für sie.

00:28:48: Tanja Penter: Der Vater distanziert sich dann quasi gewissermaßen auch von den Kindern erst mal. Also er gibt die auch an dieses Kindermädchen ab und arbeitet für die Deutschen. Und dieses Kindermädchen, das die beiden dann unter sehr schwierigen Bedingungen, wir haben darüber gesprochen, wie schwierig es auch für  alleinstehende Frauen war, wie vulnerabel die waren, und unter dieser deutschen Hungerpolitik dann auch noch zwei Minderjährige zu versorgen. Die hat das auf sich genommen und hat sie gerettet. Also eine wunderbare Rettung.

00:29:24: Jasmin Lörchner: Eine Rettung, die immer wieder auf der Kippe steht. Nicht nur bei den Tarngeschichten, auch sonst ist ganz eindeutig, wie viel Margarita Fenjas schlauem Mitdenken verdankt.  Fenja wirkt zwar laut Margaritas Schilderung oft schüchtern. Sie kommt vom Land und ist in die Stadt gezogen, um als Dienstmädchen zu arbeiten. Aber sie ist klug jenseits von höherer Schulbildung. Sie kann sich immer wieder aus brenzligen Situationen retten. Margarita liebt Fenja, aber natürlich vermisst sie ihre Mutter trotzdem. Sie beschreibt, wie sie in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg noch wartet, hofft, dass ihre Mutter wieder zurückkehrt. Dass sie vielleicht doch überlebt hat.

00:30:04: Margarita: Das Schlimmste ist natürlich, dass wir unsere Mutter verloren haben. Wir haben alles überstanden, auch den Hunger. Wie lange haben wir gehungert? Aber das ist alles nichts im Vergleich dazu, dass ich keine Mutter mehr habe. Daran konnte ich mich nie gewöhnen, niemals.

00:30:21: Jasmin Lörchner: Margarita ist sechs Jahre alt, als ihr ihre Mutter entrissen wird.  Die Sehnsucht nach ihrer Mutter prägt die Erinnerungen an die Besatzungszeit. Ähnlich wie Wladimir in Folge 1 bewegt sich auch Margarita in der Stadt – allerdings mit einer viel stärkeren Angst im Nacken gesehen, erkannt und verraten zu werden. Die gefälschten Dokumente sind ja nur ein brüchiger Schutz. Wahrscheinlich sind es Besorgungsgänge, also die Suche nach Essen zum Beispiel, die sie nach draußen führen. Und dabei bekommt auch Margarita einen Eindruck des deutschen Besatzungsregimes.

00:30:57: Margarita: Ich erinnere mich daran, wie ein etwa siebenjähriger Junge in ein Auto kletterte und eine Decke stahl. Da kam gerade ein Deutscher vorbei. Er zog ihn heraus und zerrte ihn in unseren Hof. Alle versammelten sich dort, im Hof, wo ganz hinten ein kleines Privathaus stand. Da schleifte er ihn hin. Er nahm einen Besen, packte den Jungen – vielleicht war er sogar noch jünger – an den Beinen, hielt ihn kopfüber fest und schlug wahllos mit dem Besen zu. Alle schrien. Er schlug ganz lange auf ihn ein. Es geschah vor meinen Augen, ich habe es gesehen. Später habe ich noch einmal gesehen, wie jemand etwas gestohlen hat. Dort, wo die Bank war und das Gefängnis. Da war so eine Art Vorbau, ein paar Stufen. [Der Deutsche] führte ihn dorthin, nahm einen Dolch, hackte ihm die Finger ab und ging.

00:31:52: Jasmin Lörchner: Margarita passt sich ganz ähnlich wie Wladimir in Folge 1 gewissermaßen an das vermeintliche Gerechtigkeitssystem der Deutschen an.

00:32:02: Margarita: Dort, wo jetzt das Zentralkaufhaus ist – dahinter war ein Markt. Dort hingen immer Stricke an Galgen. Und Schilder, auf denen geschrieben stand: „Ich bin ein Partisan“, „Ich bin ein Dieb“ – so in der Art. Sie baumelten hin und her. Irgendwie böse, unfreundlich. Ich weiß nicht, vielleicht kam es mir nur so vor, weil ich ein Kind war. So ist es mir jedenfalls in Erinnerung geblieben. Unheimlich.

00:32:31: Jasmin Lörchner: Ich weiß nicht, ob ihr es auch wieder erkennt, aber da ist ein Muster: Auch bei Margarita verfährt die deutsche Propaganda in gewisser Weise. Die zur Schau gestellten Leichen haben auch auf sie eine Wirkung, sie sagt ja „irgendwie böse, unfreundlich“. Aber dann sagt sie: „vielleicht kam es mir nur so vor, weil ich ein Kind war.“ Daran merkt man, dass sie das heute wohl anders sehen würde. Der Eindruck der getöteten Partisanen sorgt damals aber dafür, dass Margarita noch besser weiß, wozu die Deutschen fähig sind. Und wie überlebenswichtig es ist, sich an ihre Regeln zu halten. Nicht aufzufallen.  Margarita erinnert sich nicht konkret an das Ermordungsgeschehen an Jüdinnen und Juden in Stalino. Aber eine andere Erinnerung zeigt, dass das Leben der anderen verbliebenen Jüdinnen und Juden in der Stadt für ihren Bruder und sie ein wichtiges Thema ist.

00:33:21: Margarita: Dann hörte das alles auf. Irgendwann gegen Ende 1942, sagt August, machte keiner mehr Jagd auf Juden, nichts. 1943 waren sie schon stiller als Wasser, niedriger als Gras. Aber ich war ja ein Kind, ich kann mich nicht wirklich erinnern.

00:33:39: Jasmin Lörchner: Stiller als Wasser, niedriger als Gras – das ist eine typische russische Redewendung, die zeigt, dass jemand alles tut, um nicht aufzufallen. Im Falle der verbliebenen Jüdinnen und Juden wirkt sie fast wie eine sehr genaue Beschreibung für das Verhalten und sie spiegelt die Realität. Was geschieht mit denen, die bleiben? Könnten Sie uns einmal den Verlauf des Holocaust in Stalino erläutern, Frau Söhner?

00:34:02: Jasmin Söhner: In Stalino werden viele der jüdischen Opfer auch durch Gaswageneinsatz getötet. Und durch deutsche Dokumente und Täterzeugenbefragungen wissen wir, dass es mindestens zwei Gaswagen dort gegeben hat. Wir wissen nicht, wie viele Juden 1941 in der Stadt gelebt haben. Wir wissen auch nicht, wie viele Juden dorthin vor dem Vormarsch der deutschen Armee geflohen sind. Das heißt, wir wissen bis heute, dass die Juden, die dort in der Stadt gelebt haben, entweder durch Einsatzkommandos getötet worden sind, erschossen worden sind, oder durch den Gaswageneinsatz getötet wurden. Alle Leichen, beziehungsweise die Mehrzahl der Leichen, sind in den Schacht 4/4-bis hineingeworfen worden. Das hat dazu geführt, dass die Bergung der Leichen sehr schwierig war. Insbesondere, weil der Schacht sehr tief war. Also bis zu 360 Meter tief. Und wir wissen bis heute nicht genau, wie viele Juden in Stalino während der deutschen Besatzungszeit getötet worden sind.

00:34:57: Jasmin Lörchner: Ob Margarita schon während der Besatzung von den Erschießungen an Schacht 4/4-bis wusste, lässt sich aus ihren Erinnerungen nicht rekonstruieren – wohl aber, dass sie sich dank Fenja der Gefahr bewusst war.  Der Einmarsch der sowjetischen Truppen und damit die Befreiung von den deutschen Besatzern ermöglicht es den Kindern, sich endlich wieder frei zu bewegen. Die ständige Angst vor der Entdeckung fällt weg. Und trotzdem ist es keine leichte Zeit, die damit für Margarita anbricht. Die deutschen Truppen werden bei ihrem Abzug nur Zerstörung zurücklassen – die Stadt stürzt wieder in Chaos. Der Vater versucht, seine Verbindung zu den Deutschen zu nutzen. – Aber das funktioniert nur teilweise.

00:35:28: Margarita: Als die Deutschen sich zurückzogen, hat mein Vater mit ihnen etwas abgemacht … Sie brannten ja alles nieder ... Überall Funken ... Mein Vater vereinbarte mit den Deutschen, dass sie das Institut stehenlassen würden – das Hauptgebäude und unsere beiden Häuser.   Alle Hausbewohner sammelten Geld und brachten es den Deutschen. Auch mein Bruder August. August erinnerte sich kürzlich: „Passt auf, dass keine Funken auf euer Haus fallen.“ Von den brennenden Häusern wirbelten ja überall die Funken herum. Die Bewohner kletterten abwechselnd aufs Dach und löschten sie, damit das Haus nicht abbrannte. Dank meines Vaters blieben die Häuser stehen. Aber das Institut brannte trotzdem ab: Ein betrunkener Deutscher hat es in Brand gesteckt.

00:36:23: Jasmin Lörchner: Der Vater schützt seine Kinder. Aber dann droht der nächste Verlust: Die Kinder sollen in ein Waisenhaus gebracht werden, weil der Vater festgenommen wird. In Margaritas Erinnerung ist es vor allem ihr Bruder August, der emotional reagiert.

00:36:39: Margarita: Ich stand da mit meinem Bündel, ich hatte ein paar Sachen gepackt. „Also los, Kinder. Verabschiedet euch.“ August umschlang [Fenjas] Beine und weinte jämmerlich: „Fenetschka, verlass uns nicht, Fenetschka, ich hab dich so lieb, bleib bei uns!“ Sie war ja so ein guter Mensch, sie brach in Tränen aus und sagte: „Ich kann sie nicht im Stich lassen, ich bleibe hier.“ – Eine Frau ohne Wohnung, ohne Ausbildung, ohne Arbeit, nichts.

00:37:09: Jasmin Lörchner: Fenja, die von August hier so liebevoll Fenetschka genannt wird, tritt ein weiteres Mal für die Kinder ein. Zusammen mit dem Amt organisiert sie eine Vormundschaftsurkunde und die beiden Kinder können bei ihr bleiben.  Das frühere Hausmädchen bleibt die Grundkonstante in Margaritas Leben.  Zunächst wird den dreien ein Zimmer zugewiesen, aus dem sie aber immer wieder hinausgeworfen werden sollen. Es ist allein Fenjas guten Netzwerken zu verdanken – und ihrem schnellen Denken, dass die neue Wahlfamilie am Ende ein gesichertes Zuhause hat.

00:37:41: Tanja Penter: Es wäre eine spannende Geschichte von Rettung durch eine Ukrainerin, durch eine ganz einfache Ukrainerin, muss man sagen. Solche Geschichten gab es eben. Und die sind vielfach noch nicht erzählt worden. Und die Ambivalenz ist eben gerade das Spannende in dieser Familiengeschichte. Das ist eben nicht so schablonenartig und das ist vermutlich auch schwerer vermittelbar, aber es müsste viel stärker vermittelt werden, weil das eben auch nicht selten der Fall war.

00:38:08: Jasmin Lörchner: Mit Ambivalenz meint Tanja Penter hier, dass Margaritas Vater eben für die Deutschen gearbeitet hat – während seine Kinder von ihnen verfolgt wurden. Fenja bleibt auch deshalb eine so wichtige Bezugsperson, weil Margaritas Vater von den sowjetischen Behörden verhaftet und verurteilt wird. Während seine Exfrau und seine Kinder Opfer der Nazis waren, gilt er in der Sowjetunion dann als Täter.

00:38:32: Tanja Penter: Der Vater hat dann für die Deutschen auch im Bergbau gearbeitet als Bergbauingenieur, hat dazu beigetragen, dass die Bergbaubetriebe wieder aufgebaut werden konnten nach den Zerstörungen durch die Rote Armee, dass da Kohle gefördert werden konnte, konnte die Pläne lesen, kannte die Situation unter Tage. Also er hat sich quasi in den Dienst der Deutschen gestellt und damit auch zweifellos die deutsche Kriegswirtschaft befördert. Und er ist dann nach dem Krieg auch verurteilt worden als Kollaborateur, ist für viele Jahre ins Lager gekommen, hat das Lager aber überlebt, so dass seine Tochter dann tatsächlich auch nach dem Lager noch etwas Zeit mit ihm hatte. Also ich erinnere mich, dass sie in dem Interview auch darüber erzählt hat. Er sei ein ganz anderer Mensch gewesen, als aus dem Lager zurückgekommen sei, also auch schwer traumatisiert natürlich durch Gewalterfahrungen im Lager. Aber er hat dann noch einige Zeit gelebt.

00:39:30: Jasmin Lörchner: Meine Erwartung wäre gewesen: Mit dem Rückzug der Deutschen kann Margarita endlich wieder aufatmen. Sie muss nicht mehr im Schatten leben, sie darf ihr Jüdisch-Sein wieder benennen. Aber die Befreiung war für sie nicht der Start in ein völlig unbeschwertes Leben. Der Vater wird als Kollaborateur verurteilt und bestraft. Ob er einfach aus Existenzangst, auch um seine Kinder zu schützen, in den Dienst der Deutschen trat, spielt in dieser Verurteilung keine Rolle. Die Rückkehr der sowjetischen Truppen bedeutet also den Verlust des Vaters. Und die Hoffnung auf die Heimkehr der Mutter schwindet…

00:40:08: Margarita: Wir warteten auf sie, 1945, 1946 ... Vielleicht war sie irgendwo in einem Konzentrationslager. Vielleicht hatte sie irgendwo überlebt. Aber sie kam nicht. Das war's, wir haben sie nie wieder gesehen. Wir wissen nicht, wo ihr Grab ist, nichts.

00:40:33: Jasmin Lörchner: Margarita lebt ihr Leben lang weiter in Stalino. Nach dem Krieg studiert sie am polytechnischen Institut und arbeitet dort später auch. Sie heiratet, bekommt einen Sohn und nimmt am Leben der jüdischen Gemeinde in Donezk teil.  All die Zeit vermisst sie ihre Mutter. Margarita steht für ein jüdisches Mädchen, das es dank des ukrainischen Hausmädchens Fenja geschafft hat zu überleben. In einer Stadt, die schon Anfang 1942 als „judenfrei“ galt. In der auch die einheimische Bevölkerung denunzierte. Und in der die Mutter des Mädchens von den Deutschen ermordet wurde, weil sie Jüdin war. Wenn ihr euch weitere Hintergründe rund um die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg in Donezk, beziehungsweise Stalino anschauen wollt, geht auf die Seite [stalino.dekoder.org](https://stalino.dekoder.org), dort findet ihr Bildmaterial und spannende Textfeatures rund um das Thema. Den Link packen wir euch in die Shownotes. Wir hören uns in der nächsten Folge – da lernen wir eine Teenagerin kennen, die ebenfalls eine sehr enge Beziehung zu ihrer Mutter hat. Und die von ihrer Mutter in den Widerstand gezogen wird. Wenn euch diese Folge gefallen hat, empfehlt uns gerne weiter! Ich bin Jasmin Lörchner und das war „Stalino – Geschichten einer besetzten Stadt“ – ein dekoder-Podcast in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Universität Heidelberg. Das Projekt wird realisiert im Rahmen der Bildungsagenda NS-Unrecht.

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